„Wenn Vater an den Maschinen arbeitet, trinkt er keinen Schnaps.“

„Böll kam nicht nach Troisdorf“ von Andreas Fischer

Von Carola Quint
Manchmal kommt die Post nicht an. Manchmal kommt sie zurück. Und manchmal kommt sie als Schuber mit drei Bänden, die ungelesen im Regal verstauben, bis sie Jahrzehnte später entsorgt werden.


Mit einer solchen Geste der unbeantwortet bleibenden Annäherung an den großen Bruder im Geiste beginnt etwas, das später ein kreatives Leben werden wird, auch ein Schreibleben mit Brüchen, mit Unterbrechungen, mit der späten Wiederaufnahme einer Stimme, die zwischenzeitlich verstummt war.


Andreas Fischer, Jahrgang 1961, Filmemacher mit Werken über Kriegsfolgen und transgenerationale Verletzungen, hat 2022 mit „Die Königin von Troisdorf” eine literarische Aufarbeitung seiner Familiengeschichte vorgelegt.


Mit „Böll kam nicht bis Troisdorf”, im Mai 2026 in seinem eigenen Berliner eschen 4 verlag erschienen, folgt nun ein schmaler Band autofiktionaler Erzählungen, der einen anderen, jüngeren Andreas in den Blick nimmt: den 18-Jährigen im Jahr 1979, der Schriftsteller werden will und nach einem Mentor sucht.


Die Geschichte beginnt mit einem Brief. Der junge Andreas schickt seine Gedichte und Kurzgeschichten an Heinrich Böll, in jener Mischung aus Naivität, Hoffnung und Vermessenheit, die nur jungen Schreibenden eigen ist. Er hofft auf Antwort, auf Anerkennung, vielleicht auf eine Schule des Sehens und Schreibens.
Was kommt, ist schon beschriebener Schuber: drei Bände vom Nobelpreisträger, kommentarlos. Eine Geste, die als großzügig gemeint sein mag und als Zurückweisung ankommt. Die Bücher bleiben ungelesen.


Wo Böll schweigt, scheint der Dichter Frieder Salzgraf zu sprechen. Er zieht nach Troisdorf, bietet einen Kurs für kreatives Schreiben an, und Andreas geht hin. Salzgraf, im Buch ehemaliges Mitglied der Gruppe 47, Lyriker mit eigenem literarischen Renommee ist eine widersprüchliche Mentorenfigur: einerseits zugewandt und im Lob großzügig, andererseits von dunklen Seiten gezeichnet, die das junge Vertrauen erst aufbauen und dann erschüttern.
Andreas erlebt im Schreibkurs sein erstes literarisches Hoch, das Lob des Meisters für eine Kurzgeschichte, die ersehnte Anerkennung.


Er bleibt im Dunstkreis des Verehrten, bis dieser Dunstkreis sich verdunkelt, bis Salzgrafs verstörendes Verhalten die Flamme der Verehrung austritt. Das Schreiben verstummt für lange Zeit. Erst im Alter, mit dem Abstand von Jahrzehnten und der Erfahrung eines ganzen Berufslebens als Filmregisseur, kehrt Fischer zur eigenen Sprache zurück und kann mit dem Gewesenen abrechnen. […]

Erschienen im Mai 2026 auf http://www.lesenmitcarola.de/

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